„Wenn ich jemals feindselig war, dann gegenüber der Dummheit und gegenüber der Verletzung von Menschenrechten.”

Quelle und weitere Zitate

Über den Respekt

Vor einigen Wochen sorgte eine Aussage für Schlagzeilen, die jeden zivilisierten Zeitgenossen eine Weile beschäftigen sollte. Der Menschenschlächter und Kühlschrankdieb unserer Zeit beklagte mangelnden Respekt und meinte, er habe nun gezeigt, dass man ihn doch besser respektiere. Es ist anzunehmen, dass die Aussage durchaus ernst gemeint war – in einem zynischen Sinne. Es sprach jemand aus, der in den Beziehungen zwischen Menschen nur Machtverhältnisse sieht. In etwa wie in grauer Vorzeit, wenn einem im einsamen Wald jemand mit einer großen Keule begegnete. Empathie, Nächstenliebe, Selbstlosigkeit, Friedfertigkeit etc. – in den Augen eines Wilden keine Dimensionen des Respekts.

In den bisherigen Artikeln der Rubrik „à propos“ ist viel über die menschliche Natur geschrieben worden, über unsere Schöpfung. Unser Mikrokosmos, unser Alltag lässt es uns möglicherweise immer wieder vergessen oder verdrängen, aber diese unsere Welt ist nach dem Prinzip geschaffen „Fressen oder gefressen werden“. Selbst für die Veganer unter uns müssen massenweise Pflanzen und Lebewesen sterben. Dass es diesbezüglich an Wahrnehmung und/oder Empathie mangelt, ändert nichts an den Tatsachen. Auch ist es tägliche Realität, dass Menschen sich gegenseitig vernichten. Und der Mensch macht beim „großen Fressen“ auch vor dem Planeten nicht Halt, woran uns in diesem Monat der sogenannte Erdüberlastungstag wieder erinnert. Unser Lebensstil, unsere ungehemmte Ausbreitung ist nicht nachhaltig, sondern zerstörerisch. Ich habe einmal eine ältere Dame getroffen, die sich liebevoll um Igel in Not kümmert. Sie sprach über einen Igel, der sich durch ein viel zu kleines Loch in einem Zaun zwängen wollte, um an Lebensraum und Nahrung zu gelangen. Sie bezeichnete das Tier als dumm. Mein Gedanke war unmittelbar, welches Tier eigentlich das dümmere ist: Jenes, das ein künstliches und sinnfreies Hindernis nicht akzeptieren will und fürs Überleben bis zur Selbstaufgabe dagegen ankämpft, oder jenes, das dieses sinnfreie Hindernis geschaffen hat und zudem unzweifelhaft die Grundlagen der eigenen Existenz zerstört? Wie respektabel ist unser eigenes Dasein?

Hiermit sind insgesamt zwei Aspekte des Respekts angesprochen. Der Wilde muss zur Kenntnis nehmen, dass er mit seinem Verhalten nur den primitiven Grundlagen seiner Schöpfung folgt. Das funktioniert so lange, bis er vor einem Wilden mit einer größeren Keule steht oder er in seiner Wildheit und mangelnden Intelligenz auch seine eigenen Lebensbedingungen zerstört hat. Vor dem Wilden darf und sollte man Angst haben, aber mit Respekt sollte man das nicht verwechseln. Respekt gebührt in diesem Zusammenhang dem Zivilisierten, dem Friedfertigen, dem Besonnenen. Er zügelt seine wilden Triebe zu Gunsten eines verträglichen und im besten Fall langfristig stabilen Miteinanders. Heißt das nun, dem Zivilisierten, der Zivilisation an sich, gebührt unser uneingeschränkter Respekt? Leider ist dem nicht so, denn unsere Zivilisation weist drei Eigenschaften auf, die – miteinander verknüpft – eines Tages zu ihrem Ende führen könnten, ja werden: Unsere Zivilisation ist nicht ehrlich zu sich selbst, sie ist im Wesentlichen immer noch auf die Menschheit fixiert und sie ist nicht nachhaltig, also selbstzerstörerisch. Respekt gebührt unserer Zivilisation, wenn sie dies eines Tages nicht nur erkennt, sondern auch danach handelt. Es gibt Gründe anzunehmen, dass das entweder nicht oder zu spät geschieht. Aber schließen wir diesen Artikel mit einem positiven Gedanken: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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