„Ich bitte den 'ich weiß nicht wer' – ich hoffe: Jesus Christus.”

Quelle und weitere Zitate

Biographie

Im Folgenden soll eine Zusammenfassung von Stationen und Ereignisse im Leben des Eugène Ionesco versucht werden. Für Leser, die einen schnellen Überblick darüber haben möchten, woher Eugène Ionesco kommt und was ihn im Wesentlichen geprägt hat, um sich dann dem Werk des Dramatikers zu widmen, könnte dies ein guter Einstieg sein.

Das Résumé des bewegten Lebens dieses Mannes basiert übrewiegend auf zwei Biographien und einem Band mit gesammelten Theaterwerken. Auf den Unterseiten dieses Menüpunktes werden diese Werke über Eugène Ionesco näher vorgestellt. Für eine sehr tiefgründige Befassung mit dem Dramatiker und Menschen Eugène Ionesco kann die Lektüre der Biographien sowie des Sammelbandes nur wärmstens empfohlen werden.

Geburt und Heimat

Eugène Ionesco wird nach unserem heutigen, gregorianischen Kalendersystem am 26. November 1909 im rumänischen Slatina geboren. Sehr häufig liest man als Geburtstag den 13. November, was gemäß dem damals in Rumänien geltenden julianischen Kalender zutreffend ist. Nach dem ersten Weltkrieg, genauer gesagt am 14. April 1919 nach gregorianischer Messung, hat ganz Rumänien den gregorianischen Kalender eingeführt. Das liest sich fast so trivial wie unser zweimaliges jährliches Uhrumstellungsritual. Aber zur damaligen Zeit war dieser Wechsel in einem orthodox geprägten Land nicht weniger als eine Kulturrevolution. Slatina liegt im Süden Rumäniens, in der sogenannten "Großen Walachei", und zählt gemäß einer Volkszählung des Jahres 2011 rund 70.000 Einwohner.

Verwirrung rund um sein Geburtsjahr hat Eugène Ionesco später in Paris gestiftet. Um in Literaturkreisen eine magische Altersgrenze nicht zu überschreiten, was ihn nicht mehr zur jungen Garde hätte zählen lassen, hat Eugène sich einfach drei Jahre jünger gemacht und 1912 als Geburtsjahr angegeben. Bemerkenswert ist, dass man dieses Geburtsjahr noch heute in einigen durchaus seriösen Abhandlungen liest. Eugènes kleiner Coup wirkt insofern bis heute nach.

Das Elternhaus

Eugène war das erste Kind der ehelichen Liaison zwischen der Französin Marie-Thérèse Ipcar und dem Rumänen Eugen N. Ionescu. "Rumänien" muss man in diesem Zusammenhang im historischen Kontext betrachten, denn erst rund zehn Jahre nach Eugène Ionescos Geburt nahm Rumänien im Zuge der Friedensverträge seine umfassende Gestalt an. Eugen N. Ionescu wurde 1881 in Modawien geboren. Das Geburtsjahr von Marie-Thérèse Ipcar ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass wiederum ihre Mutter, Aneta Ioanid, 1863 geboren wurde.

Marie-Thérèse Ipcar und Eugen N. Ionescu lernen sich in Paris kennen. Eugen N. Ionescu war dort Student der Rechtswissenschaften. Die Heirat fand 1906 oder 1907 nach orthodoxen Gepflogenheiten in Bukarest statt. Im Jahre Eugène Ionescos Geburt war der Vater Sekretär in der Polizeipräfektur von Slatina.

Im Jahre 1911 wurde Eugènes Elternhaus nach Frankreich verlegt. Eugen N. Ionescu war noch keine Dreißig und hatte es in der rumänischen Administration schon recht weit nach oben gebracht. Eine Promotion auf dem Gebiet der Rechtswissenschaft zog ihn und die Familie nach Paris.

Die Verbindung zwischen Marie-Thérèse und Eugen N. brachte noch zwei weitere Kinder hervor. 1911 erblickte Schwester Marilina das Licht der Welt. 1912 oder 1913 wurde Bruder Mircea geboren, verstarb aber bereits mit 18 Monaten an einer Hirnhautentzündung.

Kindheit in Frankreich

Zwischen 1911 und 1923 lebt Eugène Ionesco in Frankreich, überwiegend in Paris. Wohnorte sind durchaus einige registriert. Gründe für diese Veränderungen sind meist unklar. Die Eugène Ionesco in der Kindheit wohl am stärksten prägende Erfahrung ist hingegen eindeutig belegt: Der Vater verlässt die Familie 1916 in Richtung Rumänien und lässt eine Mutter zurück, die mit großen Mühen in einer ziemlich rauen Zeit den Unterhalt für ihre Kinder und sich selbst verdienen muss. Die genauen Umstände und Gründe für den Fortgang des Vaters sind nicht hinreichend geklärt. Rumänien war zu dem Zeitpunkt an der Seite Frankreichs und Englands in den Krieg eingetreten. Der Vater könnte eine Pflicht verspürt haben, sein Land bzw. das Militär zu unterstützen. Später sollte sich herausstellen, dass dieser Beweggrund eher unwahrscheinlich erscheint, denn nach dem Ende des Krieges erfuhr Marie-Thérèse im Zuge einer Anfrage an das rumänische Verteidigungsministerium ob ihres verschollenen oder möglicherweise toten Mannes, dass er die Zeit offenbar genutzt hat, sich weiter nach oben zu arbeiten. Er war inzwischen Polizeipräfekt geworden. Und bereits 1917 ließ Eugen N. die Ehe scheiden und sogar erwirken, dass der Mutter gerichtlich die Schuld gegeben wurde, da sie sich im Ausland aufhielt. Inzwischen war Eugen N. mit einer neuen Frau (Eleonora Buruiana, kurz genannt Lola) liiert. Diese Ereignisse und insbesondere das spezielle Verhalten seines Vaters haben Eugène Ionesco das ganze Leben geprägt.

Zwei gänzlich andere kindheitliche Erfahrungen haben Eugène in seiner Zeit in Frankreich geprägt. Da war zum einen das jeden Donnerstag im Jardin du Luxembourg aufgeführte Puppentheater, das auf den kleinen Eugène eine Faszination ausübte. Und zum anderen wurde Eugène aufgrund seiner labilen Gesundheit zusammen mit seiner Schwester Marilina aufs Land nach La Chapelle Anthenaise geschickt. In seinen Tagebüchern beschreibt Ionesco diese Zeit, die irgendwo zwischen 1917 bis 1921 liegt, als die friedvollste und harmonischste seines Lebens.

Rückkehr nach Rumänien

Im Jahr 1923 kehrt Eugène Ionesco nach Rumänien zurück. Ein außenstehender Betrachter könnte das ohne Weiteres nicht verstehen. Dort erwartet ihn das Umfeld eines Vaters, der seine Mutter auf nicht gerade anständige Weise sitzen gelassen hat. Und Eugène hatte die rumänische Sprache zwar in seinen ersten Lebensmonaten immer um sich, aber wirklich aufgewachsen und sprachlich konditioniert wurde er in Frankreich. Frankreich war das Land seiner Mutter. Aber die Lebensverhältnisse der Mutter in Frankreich waren bescheiden und Schulen waren in Frankreich zu jener Zeit nicht kostenlos. Rumänien war sein Geburtsort und das Land seines Vaters. Dort gab es ein unter einem Dach lebendes, durchaus kultiviertes Familienumfeld, das neben dem Vater auch Tanten, Großmutter und weitere Verwandte umfasste. Und ganz entscheidend für den jungen Menschen Eugène: Das gut situierte väterliche Umfeld ermöglichte ihm eine Ausbildung, an die in Frankreich nicht zu denken war. Letzteres mag der entscheidende Grund gewesen sein, warum auch Eugènes Mutter mit der Rückkehr nach Rumänien einverstanden war. Ab dem Jahr 1923 besuchte Eugène Ionesco das Gymnasium Sfantul Sava (Saint-Sava) in Bukarest. Während seiner Schulzeit lebt er überwiegend im Haus seines Vaters. 1928 absolviert Eugène Ionesco das Abitur.

1929 schreibt sich Eugène Ionesco zum Studium für moderne Philologie an der Universität von Bukarest ein. Im Mittelpunkt steht die französische Sprache und Literatur. Er lebt während seiner Studienjahre in sehr bescheidenen Verhältnissen. Die gelegentliche finanzielle Unterstützung seines Vaters verprasst er nach eigenen Angaben mit Studienkameraden. 1932 schloss Eugène Ionesco das Studium ab.

In den darauf folgenden Jahren erweitert Eugène sein Studium um das sogenannte "Capes". Er erwirbt die Befähigung und Zulassung, in französischer Sprache zu unterrichten.

Am 8. Juli 1936 heiratet Eugène Ionesco Rodica Burileanu. Nur drei Monate später verstirbt seine Mutter Marie-Thérèse. Sie hatte sich in Rumänien eine eigene Existenz in recht bescheidenen Verhältnissen eingerichtet.

Seinen Vater Eugen N. sah Eugène nach eigenen Angaben zum letzten Mal eine Weile nach diesen Ereignissen bei einem gemeinsamen Essen. Er stritt sich wieder mit ihm. Es war weiterhin sein Vater, aber Eugène sollte in vielerlei Beziehung zu einer Art Gegenentwurf des Wesens seines Vaters werden.

Die erste berufliche Anwendung seines Studiums war an der Schule von Cernavoda. Gegen Ende des Jahres 1936 begann Eugène Ionesco eine Lehrtätigkeit am Gymnasium von Bukarest. Aber nur wenig später übernahm er beim Ministerium für Ausbildung eine Stelle im Umfeld "Auswärtige Beziehungen".

Eugène Ionesco verspürte bereits seit einiger Zeit eine Sehnsucht zurück nach Frankreich. Schon ab dem Jahr 1937 unternahm er Reisen nach Paris. Zu seinem großen Glück erhielt er 1938 ein Stipendium, um in Paris eine Dissertation über "Sünde und Tod in der französischen Dichtung seit Baudelaire" zu schreiben. Nach eigenen Angaben hat Eugène Ionesco diese Disssertation nie geschrieben, sondern in "Form von Theater" umgesetzt. Damit meinte er sein gesamtes dramatisches Werk.

Neubeginn in Frankreich und Familiengründung

Was wir heute wissen, Eugène und Rodica 1938 jedoch nur erahnen können: Die Rückkehr nach Frankreich erfolgt quasi am Vorabend des zweiten Weltkriegs. Rodica muss sich regelmäßig bei der rumänischen Administration melden. Und noch vor dem Beginn des Kriegs fahren beide noch einmal nach Rumänien und sitzen plötzlich fest. Durch Eugène Ionescos gute Kontakte zu Ministerien können noch rechtzeitig die inzwischen notwendigen Dokumente aufgetrieben werden, um wieder nach Frankreich zurückkehren zu können. Was sie wiederum noch nicht wissen: Frankreich war auch nur noch bis zum Frühjahr 1940 sicher. Aus Notizen und Veröffentlichungen Ionescos geht aber hevor, dass er dunkle Wolken über Frankreich aufziehen sieht.

Rodica und Eugène ergreifen die Flucht vor der sich abzeichnenden deutschen Besatzung. Beide sind bereits ab Juni 1940 wieder in Bukarest. Abgesehen davon, dass die politischen Verhältnisse in Rumänien, die sich auch in Opportunismus und Autoritätshörigkeit seines Vaters ausdrückten, ganz sicher auch nicht den Wertvorstellungen des Eugène Ionesco entsprach: Wie lange würde es dort noch sicher sein? Als sich im Jahr 1942 auch die rumänische Armee dem Feldzug Deutschlands gegen die Sowjetunion anschließt, hält Eugène Ionesco in Notizen fest, er werde nicht in den Krieg ziehen, weder für den Nationalsozialismus noch für Stalin. Im Juni 1942 ergibt sich für das Ehepaar Ionesco eine glückliche Fügung: Es hat sich eine Gelegenheit ergeben, nach Lyon zu gelangen, einer Stadt, die nach einer kurzen Besatzungszeit bereits zwei Jahre zur "Zone Libre" gehörte. Am 21. Juni brechen Rodica und Eugène Ionesco auf. Lyon wird jedoch nur eine kurze Durchgangsstation. Vorübergehende Heimat in Frankreich wird Marseille, das ebenfalls nicht zur Besatzungszone zählt. Es ist die Zone des Vichy-Regimes, das gemäß Waffenstillstandsvertrag mit den Besatzern kollaboriert.

Die glückliche Gelegenheit zur Flucht nach Marseille ist allerdings auch mit einer Aufgabe verbunden, die bis heute Diskussionsstoff liefert: Eugène Ionesco ist fortan Angestellter der rumänischen Verwaltung innerhalb der Vichy-Regierung. Seine Aufgaben sind zunächst die eines Übersetzers in der Pressearbeit, etwas später auch eines Kultur-Attachés und schließlich sogar eines gehobenen Sekretärs. Sein Wohnsitz ist Marseille, aber sein Arbeitgeber sitzt in Vichy. Macht diese mehr oder weniger harmlose Arbeit Eugène Ionesco zum Kollaborateur? Ein Vorwurf richtet sich auch auf den die Flucht aus Bukarest ermöglichenden Deal mit der Administration des machthabenden Marschall Antonescu, der im Laufe des Krieges zu einer der dunklen Gestalten der rumänischen Geschichte werden sollte. Die Alternative für den noch jungen Eugène wäre gewesen, in Bukarest auf die Mobilisation und somit - mit Blick auf seine klare und durchaus bekannte Haltung - auf seinen sicheren Tod zu warten. Diese moralische Diskussion ist selbst über eine Person wie Eugène Ionesco nur schwerlich mit einem zeitlichen Abstand von rund 80 Jahren zu den Geschehnissen mit gebührendem Anstand und gebotener Fairness zu führen.

Am 26. August 1944 bringt Rodica die gemeinsame Tochter Marie-France in einem Krankhaus von Vichy zu Welt. Dass die Geburt ausgerechnet in Vichy erfolgt, ist für die Familie Ionesco ein extrem glücklicher Zufall. Rodica ist nur wegen eines Fahrradunfalls im Krankenhaus von Vichy. Die Geburt der Tochter erfolgt letztlich ein bis zwei Monate zu früh. Im August 1944 ereignet sich in Rumänien der große Frontenwechsel. Die Sowjetunion ist vorgerückt, Antonescu gestürzt und Deutschland stellt rumänische Bürger im Staatsdienst unter Generalverdacht. Das hätte für Rodica und Eugène verheerende Folgen haben können. Zugleich wird aber Frankreich nun auch vom Süden her zunehmend befreit. Und die deutschen Besatzer hatten zum Zeitpunkt der Geburt von Marie-France die Stadt Vichy längst verlassen. Eine Chronologie der Ereignisse, die der jungen Familie sehr zu Gute kam.

Rückkehr nach Paris

Mit dem Ende der Vichy-Regierung gibt es dort auch keine rumänische Administration mehr, für die Eugène Ionesco hätte weiter arbeiten können. Die neue Regierung Rumäniens installiert ihre diplomatische Administration in Paris. Erst im März 1945 wird Eugène Ionesco von seinem neuen Ministerium für neue Instruktionen nach Paris berufen. Die Familie macht sich auf den Weg und bezieht eine Wohnung im 16. Arrondissement an der Rue Claude-Terrasse (Nr. 38). In diesen möblierten zwei Zimmern im Erdgeschoss wohnen die Ionescos bis 1960.

Wie auch immer die neuen Intruktionen aussehen, das Leben der Ionescos in Paris ist für einige Jahre voller Entbehrungen. Zwar verfügen die Ionescos noch über Ersparnisse aus der bis 1944 ordentlich bezahlten Stellung Eugènes und es fließt noch etwas Geld aus seiner früheren Funktion für die rumänische Administration, aber mit der Abdankung des rumänischen Königs und dem Verbot aller bürgerlichen Parteien in Rumänien im Jahre 1947 versiegt diese Quelle. Hinzu kam, dass Rodica und Eugène einen guten Teil ihrer Ersparnisse in einen Fonds rumänischer Intellektueller investierten, der zunächst gute Zinsen abwarf, sich aber schon Anfang 1948 als Blendwerk herausstellte. Die Zeiten des recht knappen Geldes enden erst im Laufe der Fünfziger Jahre.

In seiner frühen Pariser Zeit stellt sich für Eugène auch die Frage seiner Beziehung zu Rumänien. Die Verhältnisse dort haben sich deutlich verändert, aber nicht in dem Sinne, wie sich Ionesco das gewünscht hat. Zudem empfindet er Frankreich als seine Heimat, was sogar im Vornamen seiner Tochter zum Ausdruck kommt. Die eindeutige Klärung des Verhältnisses zu Rumänien löst Ionesco mit Publikationen aus, die er aus der großen räumlichen Distanz und ohne Kenntnis der genauen Umstände vor Ort verfasst. Mitte des Jahres 1946 wird Eugène Ionesco in Abwesenheit von einem rumänischen Gericht wegen der Beleidigung des rumänischen Militärs und der rumänischen Nation zu fünf plus sechs Jahren Haft verurteilt.

Ungefähr von September 1948 bis in die Mitte der Fünfziger Jahre arbeitet Eugène Ionesco als Korrektor in einem Verlag für Verwaltungspublikationen. Mit dieser Anstellung kann Eugène Ionesco die Familie über Wasser halten. Von seinem Hang zum Schreiben, der ihn nun schon viele Jahre begleitet, kann er in dieser Zeit noch nicht leben. Darüber hinaus verfeinert diese Aufgabe sein Gefühl für Wort- und Sprachgebrauch. Später, im Jahre 1978, äußert sich Eugène Ionesco eher positiv über diese Arbeit.

Im Oktober oder November 1948 stirbt Eugènes Vater Eugen N. Ionescu. Eugène muss sich eingestehen, dass er diesen Vater, den er für so einiges verachtete und dem gegenüber er verbal aggressiv wurde, dennoch liebte. Zudem erschien ihm dieser Tod irreal. Sein Vater war in den Augen des Sohnes immer stark, ein Überlebenskünstler, einer, der eben nicht stirbt. Seine Mutter musste sterben, er, Eugène, werde sterben, aber doch dieser Vater nicht. Die zweite Frau seines Vaters, Lola, verhindert, dass Eugène Ionesco etwas vom Erbe sieht.

Die Geburt des Dramatikers

Dass Eugène Ionesco schreiben kann, ist ihm und anderen schon recht früh aufgefallen. In "Ganz einfache Gedanken über das Theater" berichtet Ionesco, er habe schon mit 13 Jahren sein erstes Stück geschrieben. Und schon als Teenager publiziert er das erste Mal in einer "Revue" des Gymnasiums Sfantul Sava. Es folgen viele weitere, heute nicht mehr vielen bekannte Publikationen in verschiedenen Magazinen. Drei Veröffentlichungen markieren aber den Durchbruch zu einer stetig steigenden Bekanntheit in Literatur- bzw. Intellektuellenkreisen: Eine Veröffentlichung in der Zeitschrift Zodiac (1930) über Ilarie Voronca, einem bedeutenden rumänischen Theoretiker, der surrealistische Gedichtband "Elegien auf winzige Wesen" (1931) sowie die Essay-Sammlung "Nu" (1934, später von seiner Tochter unter dem Titel "Non" reeditiert), die sein Professor P. Constantinescu als das Literatur-Ereignis des Jahres bewertet. Auch von anderer Seite wird "Nu" besonders zur Kenntnis genommen. Zwar habe Eugène Ionesco darin nur Gedanken wiederaufgenommen, die definitiv nicht neu seien. Aber man bescheinigt ihm eine "neuartige Energie", "die Stärke einer neu erwachten Provokation" und ein "Gefühl für den Skandal", wie der rumänische Literaturkritiker Serban Cioculescu 1934 schrieb.

Mit der Niederschrift des Stückes "La Cantatrice chauve" ("Die kahle Sängerin") in den Jahren 1948 bis 1949 beginnt langsam die große Zeit des Dramatikers Eugène Ionesco. Am 11. Mai 1950 erfolgt die Uraufführung im Théâtre des Noctambules unter der Regie von Nicolas Bataille. Ein knappes Jahr später wird Eugène Ionescos zweites Werk uraufgeführt: "La Leçon" ("Die Unterrichtsstunde"). Und ein gutes Jahr später bereits "Les chaises" ("Die Stühle"). Die ersten beiden Stücke werden zwischen Oktober 1952 und April 1953 im Théâtre de la Huchette zu einem "Spectacle" gebündelt und hintereinander aufgeführt.

Die Veröffentlichung neuer Theaterstücke geht derweil munter weiter. Auf "Les chaises" folgen zwischen 1952 und 1959 rund zehn weitere Theaterstücke. Die unglaublich kreative Phase Eugène Ionescos in den Jahren 1950 bis 1960 macht aus dem eher unbekannten Exil-Rumänen einen Theatermacher von weltweiter Bedeutung. Seine Stücke werden in ganz Europa und auch in Amerika aufgeführt. Ionescos weltweit wohl bekanntestes Werk, "Rhinocéros" ("Die Nashörner") wird im September 1957 zunächst als Novelle veröffentlicht. Die Uraufführung des Theaterstücks erfolgt am 6. November 1959 in Düsseldorf.

Ab 16. Februar 1957 werden erneut die Stücke "La cantatrice chauve" und "La Leçon" im Théâtre de la Huchette zu einem "Spectacle Ionesco" gebündelt und ab diesem Zeitpunkt Jahrzehnte lang ohne Unterbrechung im kleinen Theater im Pariser Quartier Latin aufgeführt. Schon gegen Ende des Jahres 1987 zählt man 10.000 Aufführungen.

Wenngleich rückblickend im Mittelpunkt immer der Dramatiker Eugène Ionesco steht, sollen seine vielen weiteren Veröffentlichungen und Wortmeldungen nicht in Vergessenheit geraten. Dazu zählen Tagebücher, Essays, Novellen und sogar ein Kinderbuch. An dieser Stelle sei für ausführlichere Informationen auf die Rubrik "Werke" verwiesen.

Betrachtet man die Schlagzahl, die Eugène Ionesco in literarischer Hinsicht in dieser Dekade an den Tag legt, entsteht der Eindruck eines Mannes mit enorm hohem Nachholbedarf. Wenn man sieht, wie still das Jahrzehnt davor für Eugène Ionesco in dieser Hinsicht war, dürfte der Eindruck nicht täuschen.

Die Zeit nach dem Zenit

Die Veröffentlichung des Theaterstücks "Rhinocéros" bildet wohl den Zenit der Ionesco'schen Kreativität. Die französische Uraufführung erfolgt am 20. Januar 1960. Der Rhythmus der Veröffentlichung neuer Stücke verlangsamt sich. Aber die erste Hälfte der Sechziger Jahre sieht immerhin noch neue Stücke vom Rang eines "Le roi se meurt", "Le piéton de l'air" und "La soif et la faim". Danach wird es für eine Weile stiller.

In den Siebziger Jahren lebt die Kreativität Eugène Ionesco noch einmal auf. "Jeux de massacre", "Macbett", "Ce formidable bordel" und "L'homme aux valises" werden uraufgeführt. Mit dem WDR realisiert der Dramatiker ein experimentelles Fernsehspiel unter dem Titel "La Vase" ("Der Schlamm"). Und 1973 erscheint die bemerkenswerte Novelle "Le solitaire" ("Der Einzelgänger"). Im Jahre 1980 markiert "Voyages chez les morts" das Ende der dramatischen Schaffenszeit des Eugène Ionesco.

1984 wird Eugène Ionesco für seine Verdienste im Range eines "Officier" in die Ehrenlegion aufgenommen. Die Ehrenlegion ist die ranghöchste Auszeichnung Frankreichs.

Mitte der Achtziger Jahre zieht sich Eugène Ionesco zweitweise nach Sankt Gallen zurück, um über die Malerei seine Ängste und Depressionen zu bekämpfen. Es entstehen die Arbeitsnotizen "La main peint / Die Hand malt". In einem Interview mit seinem Freund und ARD-Frankreich-Korrespondent Ulrich Wickert spricht Eugène Ionesco ganz offen über diese Phase seines Lebens.

Gegen Ende der Achtziger Jahre leidet Eugène Ionesco vermehrt unter gesundheitlichen Problemen. Sie hindern ihn u.a. daran, sich persönlich für die Menschrechte in seinem Heimatland Rumänien einzusetzen.

1991 werden Ionescos Gesammelte Werke ("Théâtre complet") in die ruhmreiche "Bibliothèque de la Pléiade" aufgenommen. In die Bibliothek aufgenommene Werke werden in einem sehr edlen Einband mit ebensolchem Papier angeboten. Ionesco ist 1991 der erste lebende Schriftsteller, dem diese Ehre zuteil wurde.

Am 28. März 1994 stirbt Eugène Ionesco in seiner Pariser Wohnung. Er wird auf dem "Cimetière de Montparnasse" beerdigt (ALLEE LENOIR - 6e Division). Seine letzte Botschaft auf dem Grabstein: "Prier le Je Ne Sais Qui - j'espère: Jésus-Christ."