„Ich habe Kollektivwahrheiten immer misstraut.”

Quelle und weitere Zitate

Die Stühle

Das als "tragische Frace" angekündigte Stück "Die Stühle" (original: "Les chaises") gehört zu den frühen Dramen Eugène Ionescos. Geschrieben 1951, wurde es am 22. April 1952 im Pariser Théâtre Lancry uraufgeführt.

Die Handlung

Ein altes, auf die 100 Jahre zugehendes Concierge-Ehepaar blickt durch den Filter ihrer greisen Erinnerungen auf ein durch Glück, Unglück, Belanglosigkeit und enttäuschte Ambitionen geprägtes Leben zurück. Ihre Dialoge lassen darauf schließen, dass sie sich in einer nahezu postapokalyptischen Welt befinden oder sich darin zumindest zu befinden glauben. Aber aller Belang- und Bedeutungslosigkeit zum Trotz erwarten die beiden eine großen Redner, der nach Aussage des alten Mannes alles erklären wird. Sie empfangen nach und nach unsichtbare, hoch angesehene Gäste, die der Rede beiwohnen wollen. Und sie holen für diese nicht zu sehenden und nie erscheinenden Gäste Stuhl um Stuhl herbei. Sie reden mit den Gästen, über ihr Leben, über die große, allem Sinn gebende Rede, die sie bald hören werden. Der Redner erscheint tatsächlich an der von Stühlen nur so wimmelnden Stätte. Das Greise Ehepaar stürzt sich auf dem Höhepunkt ihres Enthusiasmus aus dem Fenster. Der Redner wiederum versucht, seine Rede zu beginnen. Aber er ist stumm.

Deutung und Bedeutung

In der Reclam-Ausgabe der beiden Stücke "Die Stühle" und "Der neue Mieter" aus dem Jahre 1962 deutet die Literaturkritikerin Marianne Kesting das Werk: "In 'Die Stühle' persifliert Ionesco den Traum der Kleinbürger von Größe und Erhabenheit, der in seiner ganzen schaurigen Leere enthüllt wird. ... Die große Botschaft ... existiert in Wirklichkeit gar nicht. In Deutschland, wo die Hysterie von an die Macht gekommenen Kleinbürgern ein schauriges Desaster angerichtet hat, wo die 'große Botschaft', die keine war, im Siegeszug durch die Straßen lärmte und jede Vernunft überrollte, muss dieses Stück, wird es richtig verstanden, besondere Wirkung tun..."

Das Stück kann aber auch etwas weniger konkret und deutlich allgemeingültiger, grundsätzlicher interpretiert werden. Eugène Ionesco bewegte sich in jener Zeit in einer Welt von Künstlern, die teilweise die Welt erklären, Gewissheiten vermitteln oder zumindest Sinn attestieren wollten. Das war Ionescos Sache ebenso wenig wie bspw. die Sache Samuel Becketts. Und so versuchen beide eine Form des Ausdrucks für die Ausdruckslosigkeit, die Orientierungslosigkeit, die Leere. Eugène Ionesco hat einmal im Gespräch mit André Coutin (Wortmeldungen) gesagt, er "stehe im Grunde vor dieser Welt wie vor einem undurchsichtigen Klotz und habe den Eindruck, nichts, aber auch gar nichts zu verstehen und dass es nichts zu verstehen gebe." Wenn man sich diese Grundeinstellung vor Augen führt, liegt eine Interpretation der Stühle näher, die mehr berührt als die Welt des Kleinbürgertums.

Victor Adamov, neben Eugène Ionesco, Simon Beckett und Georges Schehadé einer der vier großen Autoren des absurden Theaters, hat 1952 in "Arts" geschrieben: "Warum dieser böse, verächtliche Ton der Kritik gegenüber 'Die Stühle'? Bei näherer Überlegung zwingt sich eine einzige Reflexion auf, dass nämlich Ionescos Stück etwas enthüllt, was man nicht in sich wiedererkennen möchte, das heißt in zwei Worten, die fundamentale Greisenhaftigkeit, die nichts mit dem Alter zu tun hat und die auf einer gewissen Bewusstseinsstufe einen Zustand der menschlichen Existenz ausdrückt. Man erschafft sich neu im Namen der Ästhetik, während man in Wahrheit Angst hat vor einem Bild des Verfalls, der die Existenz zu einem Gewimmer von der Wiege bis zum Tode macht. Nun, dieses erschreckende Bild hat Ionesco in sich entdeckt und uns durch rein szenische Mittel entdecken lassen."

Eugène Ionesco selbst schrieb 1960 in "Ganz einfache Gedanken über das Theater" (S. 23): "Der moderne kritische Geist kann nichts mehr ganz ernst, aber auch nichts zu leicht nehmen. In 'Opfer der Pflicht' habe ich versucht, das Komische im Tragischen zu ertränken; in 'Die Stühle' ist es ins Komische getaucht. Ich habe versucht, wenn man sich so ausdrücken darf, das Komische dem Tragischen entgegenzustellen, um es in einer neuen theatralischen Synthese aufzuheben. Aber es ist gar keine eigentliche Synthese, denn die beiden Elemente schmelzen nicht ein, sondern bleiben nebeneinander bestehen, stoßen sich dauernd ab, bringen sich durch Kontrast ins hellste Licht, stellen sich aber auch gegenseitig in Frage, ja verneinen sich. Dank dieser Entgegensetzung entsteht ein dynamisches Gleichgewicht, eine Spannung.